Das Blaue Land
Tiefblau stehen die Berge am Horizont, ein strahlend blauer Himmel spannt sich über den Marktort und weiße Wolken puscheln. Murnau am Staffelsee empfängt uns an diesem Sonnabend im April mit einem Licht, das schon die Künstleravantgarde des frühen 20. Jahrhunderts inspirierte.

Wir sind zu Gast im Blauen Land. Welch ein poetischer Name! Eine Hommage an die Künstlerinnen und Künstler, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts Murnau für sich entdeckten. Hier verschmelzen die Farben der Natur mit der Kunstgeschichte. Im Blauen Land schaukelt die Wiege des Blauen Reiters.

Gabriele Münter – die Pionierin
Im Juni 1908 betrat ich auf einem Dreitage-Ausflug zum ersten Mal den Ort, und ich war entzückt.
Dies schreibt die Malerin Gabriele Münter 1957 in ihren Memoiren. Und so sah Murnau damals aus! Gesehen durch Gabriele Münters Kamera.



Gabriele Münter (1877-1962) zählt zu den wenigen Künstlerinnen, die bereits zu Lebzeiten öffentliche Anerkennung erfahren. In Paris feiert sie erste Erfolge und dringt als Frau in die männlich dominierte Welt der Kunst vor. Später wird sie zu einer der zentralen Figur des Expressionismus. In Murnau bereitet sie die Bühne für die Avantgarde.

Ein Haus der Kunst
Gabriele Münter kauft 1909 dieses hübsche Haus am Rand des Marktortes. Für eine Frau jener Zeit ist das alles andere als selbstverständlich. Doch hat Gabriele Münter das große Glück, aus einer gutbürgerlichem Familie zu stammen.

Durch das Erbe ist sie finanziell abgesichert – ihr Vater war Arzt, die Mutter stammte aus einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie. So kann sich Gabriele Münter ihre Unabhängigkeit „leisten“ – künstlerisch ebenso wie im praktischen Alltag.

In ihrem Murnauer Haus verbringt sie bis 1914 viel Zeit. Gemeinsam mit ihrem Partner Wassily Kandinsky, dem Mitbegründer der abstrakten Malerei.

Der russische Künstler ist für Gabriele Münter weit mehr als ein Weggefährte. Er ist Lehrer, Geliebter, viele Jahre lang Mittelpunkt ihres Lebens.
Als sie sich 1902 an der Phalanx-Malschule in München begegnen, ist Münter noch auf der Suche nach ihrer künstlerischen Stimme. Kandinsky ist da bereits eine charismatische Figur der Avantgarde. Zwischen den beiden entwickelt sich eine intensive und heimliche Beziehung, denn Kandinsky ist damals noch verheiratet.
Gemeinsam reisen sie durch Europa. Sie malen Seite an Seite und experimentieren mit neuen Ausdrucksformen. Hier, im oberbayerischen Murnau, finden sie einen Ort, an dem ihr Zusammenspiel besonders fruchtbar wird. Kandinsky fördert Münter, inspiriert sie – und er profitiert von ihrer Klarheit und Intuition. In Murnau schaffen sie Werke, die Kunstgeschichte schreiben – und die kleine Gemeinde in die Museen der Welt tragen.

Ein Haus für die Kunst
Das Haus richten die beiden gemeinsam ein und legen den Garten an. Fotos im Parterre des Hauses zeigen Impressionen von damals und nehmen uns mit in den Murnauer Alltag der Künstler.

Seit 1999 ist das Münter-Haus ein Museum – auf Wunsch der Künstlerin. Zuvor wurde das Gebäude aufwändig saniert und der Zustand von 1909 bis 1914 wieder hergestellt.

Tatsächlich haben wir das Gefühl, dass Münter und Kandinsky nur kurz zu einem Spaziergang unterwegs sind und gleich wieder zurückkommen. So lebendig wirken die Räume!

Besonders charmant finden wir, wie die beiden Räume und Möbel gestaltet haben – mit Pinsel und Farbe! Mit einer Schablone hat Kandinsky die Treppenwange im Eingangsbereich bemalt.

Jedes Möbelstück – ein Unikat.







Für die Murnauer ist es damals das „Russenhaus“. Tatsächlich wird das Münter-Haus zum Labor der Moderne. Hier treffen sich Franz und Maria Marc, August und Elisabeth Macke, Marianne von Werefkin, Alexej von Jawlensky und Heinrich Campendonk. Auch der Komponist Arnold Schönberg gehört zu den Gästen. Gemeinsam mit Münter und Kandinsky arbeiten sie an nichts weniger als an einer Kunstrevolution. Und sie bilden die wichtigste Künstler-Community des frühen 20. Jahrhunderts.


Legendäres Kunstmanifest
Im Herbst 1911 finden Redaktionssitzungen zum Almanach Der Blaue Reiter im Münter-Haus statt. Hier wird diskutiert, sortiert, geschrieben und gesichtet. Wassily Kandinsky und Franz Marc wirken als Herausgeber und stellen Texte, Bilder und Musikbeispiele ihrer Künstlerfreunde und -freundinnen zusammen. 1912 erscheint Der Blaue Reiter, der als Gründungsmanifest der Klassischen Moderne gilt.

Wieso ausgerechnet Murnau?
Die Eisenbahn spielt eine entscheidende Rolle in der Entwicklung Murnaus zur Künstlerkolonie. 1879 wird der Marktort durch die Eisenbahn erschlossen. Die Verkehrsanbindung macht Murnau besonders für Münchner leicht erreichbar.

Die Möglichkeit, schnell aus der Stadt zu kommen, ist ein wichtiger Anreiz. Die Fahrt in die idyllische Natur des Voralpenlandes zieht Künstlerinnen und Künstler magisch an.

Erster Weltkrieg
Der Erste Weltkrieg sprengt 1914 das Murnauer Idyll, zerreißt die Künstler-Community. Gabriele Münter und Wassily Kandinsky gehen zunächst in die Schweiz. Dort trennen sich kurze Zeit später ihre Wege. Als Russe gehört Kandinsky nun zum „Feind“ und flieht in seine Heimat. Nach München und zu Gabriele Münter wird er nicht zurückkehren. Sie verbringt viele Jahre in Skandinavien, fasst dort als Malerin Fuß, stellt in Kopenhagen und Stockholm erfolgreich aus.

1920 kehrt sie zurück. Murnau wird zu einem wichtigen Rückzugsort, ab 1931 lebt die Künstlerin dauerhaft in ihrem Haus. Ein paar Jahre später zieht auch ihr Lebensgefährte ein, der Kunsthistoriker Johannes Eichner.

Mit den Nazis kommen schwere Jahre. Nach 1937 stellt sie nicht mehr aus. In ihrem Murnauer Haus kann sie jedoch ihre umfangreiche Kunstsammlung verstecken. Münter besitzt frühe Werke von Kandinsky sowie Bilder von Franz Marc, Paul Klee und Alfred Kubin. In einem schwer zugänglichen, hinter Regalen verborgenen Kellerraum ist der Kunstschatz sicher. Außerdem bewahrt sie dort eigene Werke auf sowie Dokumente, Aufzeichnungen und Skizzenbücher von sich und Kandinsky.

Bis zu ihrem Tod 1962 hält Gabriele Münter ihrem Haus und Murnau die Treue. Auf dem Murnauer Friedhof ist sie bestattet.

Schlossmuseum
Wir haben noch nicht genug von Gabriele Münter und dem „Blauen Reiter“. Und so zieht es uns durch die hübsche Altstadt zum Schlossmuseum etwas oberhalb der Fußgängerzone.

Museum mit Geschichte
Der Kern des heutigen Museumsgebäudes ist ein Wohnturm aus dem 13. Jahrhundert. Im 16. Jahrhundert gab man ihm mit Anbauten sein heutiges Aussehen.

Vor Kurzem wurde das Museum umgebaut, um Platz zu schaffen für die hochkarätige Blaue-Reiter-Sammlung der KK-Stiftung. Dahinter verbirgt sich ein Ehepaar, das in der Gemeinde am Staffelsee lebt, jedoch anonym bleiben möchte. Am 1. Juli 2023 übergab die Stiftung dem Museum 34 Meisterwerke als Dauerleihgabe – was für ein Geschenk zum 30. Geburtstag! Nun kann sich das Haus stolz als „Hotspot“ des Blauen Reiters präsentieren.

An diesem ikonischen Bild bleiben wir sofort hängen: „Violetter Turban“ von Alexej von Jawlensky aus dem Jahr 1911.

Wir bewundern Bilder von August Macke, Heinrich Campendonk, Marianne von Werefkin, Franz Marc – die ganze „Blaue-Reiter-Gang“ ist versammelt. Mit Werken, die sowohl im Schaffen des jeweiligen Künstlers eine zentrale Rolle spielen als auch innerhalb der Kunstgeschichte.




Das Herzstück des Schlossmuseums bildet die Sammlung von Werken Gabriele Münters. Mit mehr als 80 Gemälden, Zeichnungen und Grafiken aus der Zeit von 1902 bis kurz vor Ihrem Tod 1962. Alle Werkphasen Gabriele Münters sind vertreten.

Gabriele Münter und der Expressionismus © Schlossmuseum Murnau/Nikolaus Steglich, Starnberg 2023

Und auch das ist ein Werk von Gabriele Münter. 1907 entstehen diese Farblinolschnitte auf Japanbütten in drei Farbversionen. Erinnert mich irgendwie an den Pop-Art-Künstler Andy Warhol. Ob er sich davon inspirieren ließ? Könnte doch sein!

Nebenbei erzählt das Schlossmuseum eine Menge Künstlergeschichten aus Murnau. Fun Fact: Der berühmte Regisseur Friedrich Wilhelm Murnau hieß eigentlich Plumpe mit Nachnamen. Damit wollte er ganz offensichtlich nicht Filmkarriere machen und gab sich den Künstlernamen Murnau.




Fazit
Der Besuch im schönen Murnau hat uns Freude gemacht. Und uns viel erzählt über Künstlerinnen, Künstler und Kunstgeschichten.

Infos
- Das Münter-Haus Murnau
Kottmüllerallee 6 | 82418 Murnau | Telefon: 08841- 62 88 80
täglich geöffnet (außer montags) von 14.00 Uhr bis 17.00 Uhr
Das Haus ist an allen Feiertagen (außer am 24.12. und am 31.12.) geöffnet, auch wenn sie auf einen Montag fallen. - Schlossmuseum Murnau
Schloßhof 2-5 | 82418 Murnau | Telefon: 08841-476-201 | E-Mail: schlossmuseum@murnau.de
Dienstag – Freitag von 10.00 bis 17.00 Uhr, Samstag und Sonntag von 10.00 bis 18.00 Uhr - https://www.tourismus.murnau.de/


Fotos © Bettina Melzer, Titelbild © Shutterstock